Wie geht eigentlich ein «richtiges» Leben im «Falschen»?

Lebensweisen, Reproduktion und Transformation
III. Transformationstagung

Wie wollen wir leben? Wie geht es morgen weiter? Welche Arbeit muss getan werden, damit alle zum Leben und zur Arbeit kommen? Und wie kann die Gesellschaft insgesamt erhalten, erweitert, entwickelt werden? Widersprüche zwischen der Reproduktion des Kapitals und Ansprüchen an ein gutes Leben, Erholung, Muße und Teilhabe sind zugespitzt: Mehr Frauen sind erwerbstätig, Familienmodelle in Bewegung; gleichzeitig ist Arbeit intensiviert, häufig prekär, Löhne sind gesunken, Arbeitszeiten überlang und unberechenbar. Die Organisation des Alltags und der Zukunft ist häufig Hexenwerk. Wer sorgt für sich und andere? Institutionen öffentlicher Daseinsvorsorge sind ausgehungert, Personal und Leistungen abgebaut oder privatisiert. Es fehlt an bezahlbaren Wohnungen ebenso wie an Kitaplätzen und ausreichend Personal in Krankenhäusern oder im Pflegebereich und erst recht an bezahlbaren Betreuungs- und Pflegeangeboten. Gerade die Arbeitsverhältnisse im Care-Bereich sind immer noch feminisiert, aufzehrend und schlecht bezahlt. Die Frage nach einer gerechten Organisation reproduktiver Arbeit ist seit langem ein Kern feministischer Forderungen, scheint in den gegenwärtigen gesellschaftlichen Verhältnissen schwerer denn je erreichbar: Migrantinnen erledigen sie für immer weniger Geld; der Niedriglohnsektor in diesen Tätigkeitsbereichen wächst. Die „digitale Revolution“ verändert die Grenzen zwischen Arbeit und Leben, wird von gesellschaftlichen Gruppen und Akteuren unterschiedlich angeeignet, auf ihre emanzipatorischen Potentiale getestet, in Alltagsstrategien eingewebt und produziert neue Ungleichheiten. Neue Spaltungen ziehen sich um den Globus. Unsere imperiale Lebensweise zerstört Lebensbedingungen andernorts, überschreitet ökologische Grenzen.

Kämpfe um Lebensweisen treten in den Fokus. Sie waren immer präsent, oft überschattet von (klassischen) Arbeitskämpfen – obwohl der Gegensatz schon falsch ist: Produktions- und Lebensweise sind vielfach verschränkt, die Widersprüche werden von den Einzelnen alltäglich austragen. Sie müssen abwägen, Entscheidungen treffen, um handlungsfähig zu bleiben. Viele setzen sich für Veränderungen ein im Bereich Kinderbetreuung, Bildung, Gesundheit, Ernährung, Wohnen, Energie und in Kämpfen um Zeit oder Ressourcen. Der Blick auf Lebensweise, Lebensführung und Reproduktion ermöglicht es, diese vereinzelten Kämpfe als zusammenhängende zu denken, Spaltungen zu überwinden.

Wie kann die Krise der sozialen und ökologischen Reproduktion zum Ausgangspunkt einer Transformation werden, die reproduktive Praxen nicht mehr ausbeutet, sondern ins Zentrum der Veränderung stellt? Wo verdichten sich Kämpfe um eine (Wieder-) Aneignung des Öffentlichen? Wo und wie reorganisieren sich Gewerkschaften mit neuen (Streik)Strategien im Bereich der Reproduktion? Wie wird die Energiewende durchgeführt, aber alle ihren Strom bezahlen und mitentscheiden können? Wie können Spaltungen überwunden werden, trotz unterschiedlicher Lebensbedingungen gemeinsame Perspektiven entwickelt werden?

Umkehrung des Blicks: Transformationsdiskurse sind gesellschaftliche Großdiskurse, in denen individuelle Strategien eher als Hindernis angesehen werden. Oft wird nach »Anreizen« für transformationskonformes Verhalten gefragt, die Subjekte des Wandels werden passiviert. Dabei widerspricht dies historischen Erfahrungen sozialer Transformationsprozesse: Generations-, klassen-, geschlechter-, kultur- und migrationsspezifische Erwartungen, Hoffnungen, Ängste setzen sich in je eigene Handlungsstrategie um, aus den Eingriffen von Großakteuren werden unterschiedliche subjektive Schlüsse gezogen, auch in Hinsicht auf die Notwendigkeit der Partizipation an kollektiv getragenen gesellschaftspolitischen Kritikpraxen.

Emanzipatorische Transformationsforschung hat gute Gründe, von den Lebensperspektiven und alltäglichen Handlungsstrategien der Subjekte selbst auszugehen und die Bedingungen zu untersuchen, unter denen solidarisches Handeln entstehen kann.

Bei der Konferenz sollen Konfliktlinien und Widersprüche innerhalb der linken Debatte um sozial-ökologischen Umbau mit Blick auf Fragen von Reproduktions- und Lebensweise, Klassenfragen, Nord-Süd-Verhältnisse, von individueller und gesellschaftlicher Transformation im Mittelpunkt stehen. Ziel ist es übergreifende Perspektiven zu gewinnen, zum Beispiel nach einer europaweiten, sozial-ökologischen öffentlichen Grundversorgung (wie sie jüngst im Europawahlprogramm der LINKEN verankert wurde). Die Konferenz wendet sich an Linksintellektuelle und Aktivist_innen aus Wissenschaft und Bewegung, Partei und Gewerkschaft.

Themen: „Mal Grundsätzlich: Klasse von der Produktionsweise zu denken, war schon immer falsch!“?; „Imperiale Lebensweise? So What?“; „Eier kaufen, Welt verändern? - Kontroverse: Ökologischer Konsum...und die Klassenfrage“; „Organizing with love“; „Saubere Energie für Proleten? Energiewende als Armutsrisiko?“; „Who Cares? Solidarische Gesundheit und ReOrganisierung der Linken“; „Feminismo Popular, Wachstum und Reproduktion“; „Kampf um die Stadt und die Re:Organisierung der Linken“ etc.

Menschen: Silvia Frederici, Alexis Benos, Chema Ruiz, Heidi Hartmann, Frigga Haug, Sabine Hark, Sarita Gupta, Gabriele Winker, Rachel LaForest, Eva Völpel, Irene Dölling, Thomas Seibert u.v.a.

Partner: Right to the City Alliance, Plataforma de Afectados por la Hipoteca (PAH), Die LINKE, Institute for Women's Policy Research, kitchen politics, Caring Across Generations/Jobs With Justice, solidarische Klinik Thessaloniki, Syriza, verdi.Gruppe Charité, Feministisches Institut Hamburg, Netzwerk Aktionskonferenz Care Revolution, PostwachstumsKolleg Jena etc.

Informationen
Konferenz
von
mit Silvia Federici, Heidi Hartmann, Frigga Haug, ...

Datum & Uhrzeit

26.06.2014 (All day) to 29.06.2014 (All day)

Ort

Franz-Mehring-Platz 1
Berlin