Materialistische Dialektik

Marx-Lektüren im Dialog

Was heißt eigentlich „materialistische Dialektik“? Und warum sollte man sich im Jahre 2015 darum kümmern? Handelt es sich nicht um eine alte, leere und schon abgenutzte Formel?

Die Debatte zum Verhältnis zwischen Marxscher und Hegelscher Dialektik durchquert drei verschiedene Jahrhunderte. Die Frage nach der Bedeutung der materialistischen Dialektik datiert spätestens auf Marx’ Nachwort zur zweiten Auflage des ersten Bandes des Kapitals (1873) zurück und machte seitdem eine lange Karriere im Marxismus: Im „Osten“ wurde sie von Plechanow, Lenin, Mao usw. thematisiert, und kennzeichnete die offizielle philosophische Lehre der Sovjetunion, den dialektischen Materialismus. Im „Westen“ prägte sie das Werk von Lukács, Adorno, Althusser, Luporini usw., und wurde, besonders durch die Arbeiten von Backhaus und Reichelt, zum Eckstein der Entwicklung der sogenannten „neuen Marx-Lektüre“.

Mittlerweile ist auch die „neue Marx-Lektüre“ etwas alt geworden und in der heutigen deutschen Debatte ist die Rede von einer »dritten Welle« der Marx-Rezeption (siehe F. O. Wolf u.a., Das Kapital neu lesen und Heinrich und Bonefeld, Kapital und Kritik). Es stellt sich die Frage, ob die Lesart der materialistischen Dialektik dabei noch einmal eine wichtige Rolle spielt.

Sicherlich sind diese Debattenentwicklungen weder eindeutig noch unumstritten. Grundlegende Fragen darüber, was unter „Dialektik“ und was unter „materialistisch“ überhaupt zu verstehen ist, sowie über das Verhältnis zwischen logischer und historischer Entwicklung tauchen immer wieder auf und sind alles andere als aufgelöst.

So lässt sich in den letzten Jahren weltweit das Wuchern von neuen Untersuchungen feststellen, die sich auf die Unterschiede und Gemeinsamkeiten der Marxschen und Hegelschen Methode fokussieren. Gute Beispiele dafür sind Fineschis 2006 erschienenes Buch Marx e Hegel, sowie Callinicos’ 2014 erschienenes Deciphering Capital.

Unsere Tagung zielt darauf, die neuesten Untersuchungen und die verschiedenen vorhandenen Perspektiven zu solchen Fragen in Dialog zu bringen. Vom Standpunkt der Marx-Forschung aus ist das wichtig, um zu vermeiden, dass grundlegende Aspekte der jeweiligen Lektüren unausgesprochen bleiben, und dass die Möglichkeit konstruktiven Austausches dadurch gesperrt wird.

Bei solchen anscheinend bloß methodologischen Fragen handelt es sich aber nicht um ein Thema, das nur auf Interesse von „Marxologen“ oder Philosophen stoßen kann. Wie man die materialistische Dialektik versteht, hat nicht nur darauf Einfluss, wie man das Marxsche Kapital liest, sondern hat auch unmittelbarere politische Auswirkungen. Den politischen Vorschlägen der Proudhonianer und den Positionen der Ökonomen, die die Möglichkeit der kapitalistischen Krisen leugneten, stellte sich Marx beispielsweise eben im Namen der dialektischen Einheit von zusammengehörenden aber gegeneinander verselbständigten Momenten entgegen. Im Rahmen der im Jahre 2007 aufgebrochenen Weltwirtschaftskrise, die übrigens eine Erneuerung der politischen Kapitalismuskritik mit sich gebracht hat, hat die Frage, wie jene dialektischen Zusammenhänge zu lesen sind, wieder an politischer Bedeutung gewonnen.

Deswegen sind nicht nur Philosophen herzlich eingeladen, Beitragsvorschläge von ca. 1000 Wörter bis spätestens den 15. September 2015 an die E-Mail-Adresse materialistische.dialektik@gmail.com einzureichen. Dabei können beispielsweise (aber nicht nur) die folgenden Fragen thematisiert werden:

– Wie lässt sich eine materialistische Dialektik gegen die idealistische Dialektik abgrenzen?

– Wie verhält sich die materialistische Dialektik zum „dialektischen Materialismus“? Worin besteht der dialektische Charakter des Letzteren? Und allgemeiner: Was macht einen Ansatz materialistisch? Was macht ihn dialektisch?

– Gibt es eine dialektische Methode überhaupt?

– Wie ist das Verhältnis zwischen Marx und Hegel in Bezug auf die Dialektik zu verstehen? Was heißt, dass die hegelsche Dialektik umgestülpt werden muss, um ihren »rationellen Kern in der mystischen Hülle zu entdecken« (Marx)?

– Welche Rolle spielt der Totalitätsbegriff bei der idealistischen und der materialistischen Dialektik?

– Worin liegen die Grenzen der dialektischen Darstellungsweise, auf die Marx verweist?

– Welche Verbindung besteht zwischen dialektischer Darstellungsmethode und kapitalistischer Produktionsweise?

– Welches Verhältnis besteht zwischen Dialektik und Empirie? Welches zwischen Darstellung und Forschung? Welches zwischen dialektischer und historischer Entwicklung?

– Ist die Dialektik »in ihrer rationellen Gestalt […] ihrem Wesen nach kritisch und revolutionär« (Marx)? Warum?

– Welche Rolle spielen begriffliche Widersprüche und Gegensätze in der marxschen dialektischen Darstellung der kapitalistischen Produktionsweise und in der Kapitalismuskritik überhaupt?

– Wie können solche sehr abstrakt formulierten Widersprüche / Gegensätze von den kapitalismuskritischen sozialen Bewegungen in Anspruch genommen werden?

– Wie wurde es diese Fragen im Laufe des 20. Jahrhundert beantwortet (Z. B. seitens Plechanov, Lenin, Lukács, Adorno, Althusser usw.)?

– Gibt es diesbezüglich eine gemeinsame Position innerhalb der sogenannten “neuen Marx-Lektüre”? Und wenn ja, womit ist sie gekennzeichnet? Welche weitere Entwicklungen lassen sich feststellen?

Es werden nur Beitragsvorschläge auf Deutsch berücksichtigt. Für jeden Vortrag sind 20 Min. + 15 Min. Diskussion vorgesehen. Nachricht über die Annahme oder Ablehnung der Vorschläge erfolgt bis zum 30. September 2015. Die Akten der Tagung werden möglicherweise veröffentlicht.

Teilnahmebeitrag: 20 €

Kaveh Boveiri (Doktorand an der Université de Montréal)

Stefano Breda (Doktorand an der Freie Universität Berlin)

Informationen
Tagung
von
mit Frieder Otto Wolf, Alex Demirovic

Datum & Uhrzeit

30.10.2015 (All day) to 31.10.2015 (All day)

Ort

Berlin