Von der Kriegskunst des Kapitals

Im Vorfeld des G20-Gipfels: Warum sollte sich die radikale Linke für Logistik interessieren?
Ein Gastbeitrag im Lower Class Magazine von Theorie.Organisation.Praxis B3rlin

Mit dem G20-Gipfel steht der radikalen Linken eine Herausforderung ins Haus. Wir – wie viele andere – haben uns die Frage gestellt, inwiefern es überhaupt noch Sinn macht, sich an Gipfelmobilisierungen zu beteiligen. Die Anti- bzw. Alterglobalisierungsbewegung hat ihre besten (oder zumindest größten) Tage längst hinter sich. Die derzeitige Krise von Wirtschaft und Politik ist leider auch eine Krise der radikalen Linken und ihrer Politikformen. Dem ist entgegenzuhalten, dass die Verhältnisse kein Stückchen besser geworden sind, im Gegenteil. Der Neoliberalismus hat sich selbst überlebt und west doch unvermindert fort, während der globale Rechtsruck Straßen und Parlamente übernimmt: Davon ist auch die Zusammensetzung des Gipfels geprägt. So werden sich in Hamburg Despoten wie Trump, Erdoğan oder Putin mit den altbekannten Verwalter*innen des Neoliberalismus die Klinke in die Hand geben. Die Entscheidung, solche Gipfel nicht mehr irgendwo in der Pampa, sondern wieder in den Innenstädten zu veranstalten, zeigt deutlich, wie fest die Herrschenden meinem im Sattel zu sitzen. Dem inszenierten Showdown zwischen den schlechten Alternativen von autoritärem Neoliberalismus oder nationaler Wende, die sich aller Vorraussicht nach doch arrangieren werden, gilt es entschlossen entgegenzutreten – und so der falsche Entgegensetzung zu entkommt. Zum G20-Gipfel wollen wir deshalb Aufmerksamkeit der radikalen Linken auf die Logistik des Kapitals richten. Warum das keine völlig abwegige Idee ist, sondern wir damit in das Herz der gegenwärtigen Situation zielen, wollen wir im folgenden begründen.

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Auf dem vierten ums Ganze! Kongress reproduce(future), der vergangenen November in Hamburg stattfand, haben wir uns die Frage nach dem Verhältnis von technischer und sozialer Revolution gestellt. Gemeinsam mit Tomasz Konicz und Sandro Mezzadra diskutierten wir dabei die Rolle der Logistik für den globalisierten Kapitalismus sowie in einer möglichen kommunistischen Gesellschaft. Trotz ihrer zentralen Bedeutung für den weltweiten Kapitalismus spielt die Logistik in der deutschen Linken bisher kaum eine Rolle. Dabei haben bereits in den 1970er Jahren italienische Aktivist*innen im Zuge der einsetzenden Containerisierung in Hafenstädten wie Genua damit begonnen, wertvolle Erfahrungen zu sammeln.

Die Logistik ist kein Produkt des letzten Jahrhunderts. Unter Anderem entstanden, um militärische Feldzüge mit Nachschub zu versorgen, bezeichnet Logistik heute das Wissen, die Techniken und die Unternehmen, welche mit dem Transport von Waren und zunehmend auch Produktionsmitteln befasst sind. Seit dem Aufkommen des Kapitalismus und der für ihn zentralen Bedeutung von Warenproduktion und Warenverkaufs, stellt sich das Problem, wie der Umschlag und die Verteilung von Warenkapital möglichst schnell, effizient und profitabel organisiert werden kann. Im Prinzip bildet sich bereits in den ersten großen europäischen Handelsunternehmungen, dem sogenannte Kaufmannskapital, frühe Formen von Logistik aus. Gleichzeitig erweitert sie den Verkehr zwischen Menschen und Dingen zu einem weltumspannenden Netz und und ermöglicht damit das, was als ‚Globalisierung‘ bezeichnet wird.

Die Logistik gehört weder der Produktion, noch der Zirkulation, noch der Distribution des Kapitals an, sie ihr ihre Verbindung. Sie verbindet zudem die räumliche und die zeitliche Dimension des Kapitals. Und schließlich verbindet sie seine ökonomische, politische, militärische und territoriale Macht. Die Logistik vermisst das Schlachtfeld und sorgt, gleich einem materielle Gegenstück zum Internet, für die interne Kommunikation und die Informationsverarbeitung. Wenn die kapitalistische Produktionsweise von ihrer umfassenden Re-produktion her gedacht werden muss (materielle, bio-politische, ideologische, soziale etc. Reproduktion), so ist die Infrastruktur dieser Reproduktion die Logistik. Warum sollte das die Linke interessieren? Das ist, in der Theorie zumindest, ziemlich einfach zu begründen: Einerseits erzeugt die logistische Infrastruktur selbst Schwachpunkte in der kapitalistischen Produktionsweise, die antagonistische Bewegungen für ihren Widerstand nutzen können. Und andererseits bildet sie für eine emanzipierte Gesellschaft möglicherweise eine Basis oder doch zumindest einen Ausgangspunkt, auf der die Beschränkung des Lokalen überwunden und eine freie Assoziation auf Weltmaßstab möglich wird.

A Revolution in Logistics – Logistik heute

Mit der Erfindung des Containers in den 1950er Jahren veränderte sich das Transportwesen, einschneidend. Mit dieser ‚Revolution in Logistics‘ und seiner nachhaltigen Standardisierung ist ein neues Mobilitätsparadigma entstanden, das den Kapitalismus in seiner heutigen, weltumspannenden Form ausmacht. Damit das richtige Produkt zum niedrigst möglichen Preis zur richtigen Zeit zum richtigen Ort in der richtigen Qualität und Menge geliefert werden kann, wurden nicht nur die Lieferketten reorganisiert, sondern mit ihnen veränderten sich auch die Produktionsbedingungen selbst. Die zuerst von Toyota in den 1980ern eingeführte Just-In-Time-Produktion zog eine zunehmenden Harmonisierung zwischen Herstellung und Verkauf von Waren über die Rationalisierung des Transports nach sich. Die effiziente Organisation des Transports hat das Produktionsmodell transnationaler Unternehmen begünstigt, welches den Produktionsprozess räumlich und organisatorisch zerlegen. Anstatt einen Großteil der Waren in einem fordistischen Großunternehmen an einem Ort herzustellen, gestattet die Logistik die Produktionsschritte auf diverse Zulieferer vom einen und anderen Ende der Welt auszulagern, und Standortvorteile wie niedrige Steuern und geringe Lohnstückkosten auszunutzen. Die Standardisierung ermöglichte zudem einen enormen Automatisierungsschub in der Produktion. Beides erlaubte nicht zuletzt einen Angriff auf die (organisierte) Arbeiter_innenmacht, die sich mit den 60er Jahren in den großen Produktionsanlagen herausgebildet hatte. Logistik ist die Kriegskunst des Kapitals.

Produktionsmaterialien sind heutzutage ständig in Bewegung. Sie werden geradezu auf dem Weg zwischen Anbieterin und Abnehmerin ‘gelagert’. Durch diese Rationalisierung sollen sie jederzeit verfügbar sein, während gleichzeitig die Lagerkosten verringert werden. Die Digitalisierung verdichtet diese Verkettung enorm und beschleunigt den Warenumschlag auf rasante Weise. Der Produktionsprozess wird zunehmend den Erfordernissen der Zirkulation untergeordnet, in dem Nachfrageveränderungen durch Datennetze unmittelbar an die Produktion weitergeleitet werden. Die flexiblen Lieferketten optimieren sich beständig.

Vereinfacht lässt sich sagen, dass im Unterschied zum Kapitalismus der Nachkriegsperiode die Produktionsprozesse zunehmend durch Lieferketten gesteuert werden. Sehr deutlich wird das bei Konzernen wie Amazon oder Wal-Mart, die man durchaus als als Einzelhändler getarnte Logistikunternehmen verstehen kann. Insbesondere Wal-Mart setzte dabei immer wieder globale Standards im logistischen Feld, beispielsweise mit der Einführung des Barcodes. Allein in den USA importiert das Unternehmen mit Abstand die meisten Güter, verteilt diese auf 9000 Filialen und benutzt zur Überwachung und Verwaltung ihrer Verkehrswege das größte existierende zivile Satellitensystem der Welt. Weiterhin beschäftigt Wal-Mart über zwei Millionen Angestellte. 2000 davon befassen sich ausschließlich mit der Vorhersage des Kaufverhaltens der Kund*innen. Um dieses riesige Netzwerk reibungslos und effizient zu bedienen, muss die Produktion komplett an die Lieferketten angepasst sein.

Die Folgen sind vor allem für die Beschäftigten gravierend. Auch in der Entsicherung von Arbeitsverhältnissen und ihrer Aufteilung anhand geschlechtlicher und rassialisierter Merkmale, ist das Unternehmen Vorreiter. Besonders im Dienstleistungssektor führt die Anwendung der Logistik zu neuen, entsicherten und prekären Jobs, wie an den Lieferdiensten Foodora oder Movinga beobachtet werden kann.

Der Produktion werden also die Distributionsbedingungen geradezu aufgezwungen. Daraus folgt nun aber gerade keine Vereinheitlichung der Produktionsverhältnisse. Mit diesen Prozessen geht im Gegenteil eine Vervielfältigung im Sinne einer fortlaufenden Spaltung und räumlichen Reorganisation von Arbeitsschritten einher. Diese reicht weit über das hinaus, was bisher mit dem Begriff der internationalen Arbeitsteilung beschrieben wurde. So geht es nicht allein darum, dass international agierende Konzerne die Produktion zunehmend ins billigere Ausland verlagern. Vielmehr wird unter dem Kommando von Verwertungsketten die Arbeitskraft selbst transnational verhandelt und aufgeteilt. Die Klasse der Lohnabhängigen wird weiter fragmentiert, individualisiert und isoliert. Die Zergliederung des Produktionsprozesses in viele Unternehmen und die Flexibilitätsanforderung der Lieferkette so wie Automatisierungsschübe, die u.a. durch die Standardisierung möglich werden, steigern die Konkurrenz unter den Lohnabhängigen und spaltet Belegschaften. Das Kapital neutralisiert so die Verhandlungsmacht der Lohnabhängigen besonders in der Produktion. Sinkende Sicherheitsstandards und verschärfte Ausbeutung wird der Weg bereitet.

Nach einer Zwischenphase des sozialstaatlich eingehegten Klassenkampfes erinnert der Kapitalismus zunehmend an seine besonders blutigen Anfänge: In den kritischen Debatten in Lateinamerika, wo diese Charakteristika besonders brutal zutage treten, werden diese neuen-alten Methode der Akkumulation treffend als Neo-Extraktivismus bezeichnet. Laut Sandro Mezzadra ist diese „extrahierende Wirkung“ sinnbildlich für die Entwicklung des Kapitalismus an sich. Deshalb begreift er die Verbindung von Logistik und anderen Sektoren wie der Extraktion von Rohstoffen und der Finanzialisierung als maßgeblich für das Verständnis der gegenwärtigen Zusammensetzung des Kapitals, von Verwertungsprozessen und der Herrschaft über menschliche Arbeitskraft. Es entstehen neue Regulierungen von Arbeit, neue Herrschafts- und Kontrollweisen, aber auch neue Widerstandsformen und Selbstverständnisse von Arbeiter*innen, die quer zu den Grenzen des Globalen, Nationalen und Lokalen liegen.

Ein Beispiel zur Veranschaulichung: Australien hat es durch seine Steuer- und Sparpolitik sowie durch den Export von Produktionsmaterialien geschafft, sich vor den schlimmsten Folgen der globalen Wirtschaftskrise zu bewahren. Durch die verschlechterte wirtschaftliche Lage in den Abnehmerländern konnten Rohstoffe aber nicht mehr ausreichend gewinnbringend abgesetzt werden. Eine Alternativ musste her. Diese wurde in den sogenannten Seltenen Erden gefunden: besondere Metalle, die notwendig für die Herstellung von Smartphones, Tablets und Plasma-Fernsehern sind. Mit der voranschreitenden Digitalisierung hat sich der Bedarf nach Seltenen Erden vervielfacht. Ein Ende ist nicht in Sicht. Sie sind allerdings nicht „frei“ im Boden verfügbar, sondern Teil spezieller Erze und nur selten in einer wirtschaftlich nutzbaren Konzentration vorhanden. Sie müssen über komplizierten Verfahren aus dem Erz heraus gefiltert werden. Dies führt zu schwerwiegenden Langzeitfolgen für Umwelt und Menschen – nicht zuletzt weil diese Extraktionsverfahren radioaktive Rückstände erzeugen.

Wegen gestiegenen eigenen Bedarfs und einer Serie von Preismanipulationen verringerte China 2011, als damaliger Hauptexporteur, seinen internationalen Verkauf von Seltenen Erden beträchtlich. Es kam zu einer Versorgungslücke in den Lieferketten für die entsprechenden elektronischen Geräte. Dies versuchte der australische Minenkonzern Lynas für sich zu nutzen. Unter seiner Führung entstand in kurzer Zeit eine der größten und modernsten Anlagen zur Verarbeitung der Minerale beim Hafen Kuantan im nahen Malaysia. Diese Gegend entwirft sich zur Zeit als ein beachtliches logistisches Zentrum („Hub“), um eine möglichst effiziente Verteilung des extrahierten Materials zu gewährleisten, wird so zu einer wichtigen Stelle im weltweiten Netz der Logistik und kann sich so in der globalen Konkurrenz zu positionieren. Das zeigt deutlich, wie eng diese Sektoren miteinander verwoben sind und welche Abhängigkeiten sich dadurch ergeben. Die Logistik und ihre Rationalisierungen sind für die Verwertung des Kapitals heute unabkömmlich. Durch diese zentrale Rolle prägt und strukturiert sie nicht nur kontinuierlich, sondern immer ausgedehnter unseren Alltag und unsere Wahrnehmung.

Gegenlogistik? Sabotage und der Aufbau einer solidarischen Infrastruktur

Wenn Logistik zentral für das Funktionieren der kapitalistische Produktionsweise und ihr derzeitiges Akkumulationsregime ist, wie sieht dann erfolgreicher Widerstand in diesem Kontext aus? Offensichtlich liegt ein möglicher Angriffspunkt in dem genau abgestimmten Umschlag der Waren selbst. Durch die zentrale Bedeutung der Just-In-Time-Produktion fehlen Sicherheitspuffer, um Engpässe auszugleichen. Die Ketten, mit der die Arbeiter*innenmacht in den Fabriken so effektiv zerschlagen werden konnte, sind selbst zunehmend empfindlich für Unterbrechungen. Solche entstehen zum Beispiel durch Erdbeben oder technische Defekte, kurz: Unfälle. Ironie des logistischen Schicksals des Kapitals: Erst vor Kurzem blockierte der Superfrachter „Cape Leonidas“ aufgrund eines Maschinenschadens den Schiffsverkehr auf der Elbe vor Hamburg.

Die Logistik kann aber auch gezielt unterbrochen werden, z.B. von Blockaden der Zulieferungsinfrastruktur – und zwar auch durch die, die, wie die meisten von uns, eben selbst nicht in der Logistikbranche arbeiten, aber doch unmittelbar von ihren Auswirkungen betroffen sind. Es gibt einige Beispiele für solche Interventionen, aus denen wir lernen können, etwa die argentinischen Piqueteros, die wichtige Versorgungsstraßen dicht machen, die NoTav-Bewegung die sich gegen die Zerstörung des italienischen Val di Susa durch ein Schnellzug-Großprojekt wehrt oder die jüngsten Kämpfe bei Foodora, Avis oder GLS in Großbritannien und Italien. Ein besonders inspirierendes Ereignis war im die massive Hafenblockade von Occupy Oakland 2011.

So sehr die Restrukturierung des Kapitals die Produktionsmacht der Lohnabhängigen in den Betrieben geschwächt hat, der zeitsensible Transport bietet viele neuen Angriffspunkt für soziale Bewegungen außerhalb der Betriebe, die Kapitalverwertung zu unterbrechen.

Eine wirksame antikapitalistische Bewegung braucht aber mehr als einzelne Aktionen. Da es global organisiert ist oder vielmehr, weil die globale Organisation des Kapitals heute eben die Logistik ist, muss sich auch unser Kampf entsprechend transnational einstellen. Der Kapitalismus kann weniger denn je in einzelnen Ländern überwunden, ja nicht einmal reformiert werden. Das hat sich zuletzt in Griechenland gezeigt, wo die sozialdemokratische Partei SYRIZA antrat, um das Spardiktat zu bekämpfen und heute zur Vollstreckerin desselben degradiert ist.

Wir müssen stattdessen ‚der Logistik folgen‘ und über die Nationalstaatsgrenzen hinaus verbinden. Ansätze dafür sind etwa das Transnational Social Strike Netzwerk, die International Tradeworkers Federation (ITF) oder die Women Help Women Gruppen im Bereich der Reproduktion. Die bloße Blockade oder Sabotage der Logistik ist jedoch nicht ausreichend, denn: “[…] gerade als Kommunist_innen müssen wir das Problem der konstituierenden Macht, der kollektiven Aneigung des “Gemeinen” als Grundlage radikal neuer sozialer Verhältnisse, frei von Ausbeutung, Rassismus und Sexismus in den Vordergrund stellen.” (Mezzadra). Auch die Diskussionen um den Begriff „Counter Logistics” stellen oft die Blockade in den Mittelpunkt. Erinnert sei an die Lust an der Zerstörung in den Texte des Unsichtbaren Komitees. Diese Fixierung auf Sabotage und Aufstand droht jedoch den Zusammenbruch mit der Überwindung des Kapitalismus zu verwechseln. Das führt zwar dazu, dass Schwachpunkte und Bruchstellen im System offengelegt werden, aber eben auch deren Reparatur, Optimierung und Absicherung herausgefordert wird. Und Reparatur, Überwachung und Vorbeuge sind, als Security-Branche oder im Versicherungswesen, selbst zu einem profitablen Gewerbe innerhalb der Logistik geworden.

Die zentrale Frage unseres Kongresses lautete: Können wir uns die Technik überhaupt aneignen? Dabei hat die Logistik denselben problematischen Status wie die Produktionsmittel und die Technik. Wie die Produktionsmittel und die Technik ist die Logistik auf der einen Seite spezifisch kapitalistisch bestimmt. Sie kann nicht einfach von ihrem kapitalistischen Gebrauch und Zweck getrennt werden, um sie für eine andere Gesellschaft anzueignen. Auf der anderen ist nicht nur keine Vergesellschaftung ohne Logistik denkbar, wie wissen auch nicht, wie eine Counter-Logistic aussehen könnte, geschweige denn, ob es eine Logistik des Kommunismus geben könnte. Aber wir sehen darin eine Aufgabe: Der technische Fortschritt erlaubt Gedanken über die weitgehende Abschaffung der menschlichen Arbeit und über die globale Umverteilung von Gütern zur Befriedigung der Bedürfnisse aller. Gleichwohl kann nicht kurzerhand übernommen oder umgewidmet werden. Stattdessen muss es uns auch darum gehen “[…] Technik und Logistik ganz neu zu denken” (Konicz). Was dann noch von den Netzen der Logistik, wie sie heute bestehen, bleibt? Vielleicht nicht viel, wir werden sehen.

Notwendigerweise brauchen aber auch unsere Kämpfe eine eigene Logistik, auch wenn sie sich radikal von der kapitalistischen unterscheiden wird. Sie unterschiedet sich vom Zwang der Verwertung durch ihren sozialen Charakter. Um unsere Ziele zu erreichen, müssen wir notgedrungen nutzen, aus- und aufbauen, was wir – als Gegenbegriff zur kapitalistischen Logistik – soziale Infrastrukturen nennen wollen. Darunter verstehen wir so unterschiedliche Dinge wie Soziale Zentren, Unterstützungsnetzwerke gegen Zwangsräumungen oder Repression, selbstorganisierte Sport- und Sprachkurse, eigene Kommunikationsmedien, Solidaritäts-Kliniken wie in Griechenland oder aber auch vermeintlich banale Dinge wie die Frage danach, wie die KüFa auf zur nächsten Demonstration kommt. Insofern könnte die Logistik für heutige antikapitalistische Kämpfe das werden, was Werkbank, Fließband und Fabriktor für die Arbeiter*innenbewegung bis in die 1970er war. Hierin liegt nicht zuletzt eine Möglichkeit, soziale Auseinandersetzungen zu verbinden, und zu erweitern, die lange auch ob des Primats der Figur des „Arbeiters“ und der ihm zugeschriebenen revolutionären Bedeutung, an den Rand gedrängt wurden; Streikende Dockarbeiter mit den Bewegungen und Kämpfe der Refugees mit denjenigen, die von Verdrängung bedroht sind mit den Sorge-Arbeiter_innen und alle wiederum mit Klimaaktivist*innen usw. Wenn wir von “Counter Logisitics” reden, so reicht es nicht, die Verschiedenartigkeit und Eigenständigkeit sozialer Kämpfen zu betonen. In den Kämpfen gegen und um die Logistik gilt es sie zusammenzuführen, ohne sie zu vereinheitlichen oder zu vereinnahmen, ohne sie zu hierarchisieren und damit den Kämpfen die Eigenständigkeit zu nehmen. Das ist es, was wir dem Weiterso des neoliberalen Blocks wie den blutigen Phantasien des Nationalen entgegenstellen: Workers and Non-Workers of the World – Unite in Counter-Logistics.

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