Make Feminism A Threat Again!

Aufruf zum linksradikalen Block auf der Demonstration zum Frauen*kampftag 2017

Am 8. März wird seit über 100 Jahren der Internationale Frauen*tag begangen. Solange Sexismus und patriarchale Verhältnisse existieren, bleibt dieser Tag wichtig für das Zusammenführen unserer feministischen Kämpfe und deren Sichtbarmachung. Angesichts des Erstarkens reaktionärer antifeministischer Kräfte wie der AfD, des Front National, Donald Trumps, der aktuellen Abtreibungsdebatte in Polen oder der Legalisierung von häuslicher Gewalt in Russland ist es wichtig, sich dem mit einem kämpferischen Ausdruck entgegen zu stellen. Dabei können wir nur ein Ziel haben: die Abschaffung der Geschlechterverhältnisse und des Patriarchats!

Was wollt ihr denn noch?
Der Kampf um die Gleichberechtigung zwischen „Mann“ und „Frau“ scheint für die Mehrheitsgesellschaft weitestgehend abgeschlossen zu sein. Darunter verstehen viele aber primär eine juristische Gleichstellung: Frauen* haben die gleichen Rechte, dürfen arbeiten, können eine Familie gründen und theoretisch trotzdem einer Karriere nachgehen. Es stimmt, dass sich die rechtliche und berufliche Situation von Frauen* in der BRD in den letzten Jahrzehnten aufgrund von feministischen Kämpfen deutlich verbessert hat. Doch der bürgerliche Schein trügt. Frauen* verdienen durchschnittlich für dieselbe Arbeit immer noch weniger als Männer – im Schnitt rund 21%. Sie sind häufiger von Armut betroffen, besonders im Alter oder als Alleinerziehende, und verrichten den Großteil der Sorge- und Heimarbeit ohne Entlohnung. Noch tiefgreifender äußert sich das ideologisch verinnerlichte Frauen*bild in der heteronormativen Kleinfamilie. Frauen* wird auch heute noch viel mehr Verantwortung für das Funktionieren sozialer Beziehungen unterstellt. Der Haushalt wird geschmissen, das Kind gestillt, dem Ehemann wird zugehört und emotionale Unterstützung geleistet. Auch sich als emanzipativ verstehende Partnerschaften bleiben häufig von der ungleichen Aufteilung der Reproduktionsarbeit nicht verschont. Entspricht eine Frau* diesem vorgeschriebenen Rollenbild nicht, ist die Gesellschaft schnell dabei, sie zu verurteilen. Die Gewalttätigkeit der heteronormativen Ordnung erfahren vor allem jene, die aus ihr herausfallen. Tagtäglich erfahren Trans*Personen Gewalt und werden vom Gesetz pathologisiert und diskriminiert, wenn sie nicht den Anforderungen einer zweigeschlechtlichen Norm entsprechen. Menschen, deren Körper bei der Geburt nicht der binären Vorstellung von Mann und Frau entsprechen, werden operativ angepasst. Die Idealisierung der heterosexuellen, ihrer Pflicht als Mutter entsprechenden Frau kommt nicht ohne frauen*-, homo-, trans*- und interfeindliche Hetze aus.

making feminism a threat to capitalism
Das Geschlechterverhältnis zu kritisieren bedeutet, das Patriarchat anzugreifen. Der derzeitige Kapitalismus funktioniert nur auf Grundlage des Patriarchats. Die unbezahlte Arbeit, die Frauen* in die Familie investieren, dient der kapitalistischen Gesellschaftsform als notwendiger Treibstoff – ohne sie könnte die derzeitige Gesellschaft nicht funktionieren. Frauen* reproduzieren neue Arbeiter*innen, pflegen sie ein Leben lang und halten so das Getriebe in Schuss. Wenn sie zusätzlich lohnarbeiten, um sich vom Familienernährer zu emanzipieren, erschließt sich ein ganz neues Potential für das, für die Aufrechterhaltung des Kapitalismus so dringend benötigte, ökonomische Wachstum. Diese Logik des Kapitals haben auch die Initiatorinnen des W(omen)-20 Gipfels1, welcher vom 25. – 26. April 2017 in Berlin stattfinden wird, verinnerlicht: Gleichberechtigung heißt für sie, die „weiblichen Humanressourcen“ und Potentiale nutzbar zu machen.         So empfiehlt die W-20-Dialoggruppe im Vorfeld des Gipfels: „Vielfalt und gleichberechtigte Teilhabe sind von essenzieller Bedeutung für das starke, nachhaltige und zukunftsfähige Wachstum einer stabilen Wirtschaft und Gesellschaft, während homogene Systeme Risiken und Unsicherheiten bergen. Die wirtschaftliche Stärkung von Frauen ist daher […] essenziell für wirtschaftliches Wachstum, eine stabile Wirtschaft sowie soziale Entwicklung.“  Gleichstellung wird zur Voraussetzung einer modernen kapitalistischen Gesellschaft, in der kein Potential ungenutzt bleiben soll. Frauen* sollen sowohl dem Betrieb als auch dem Standort Deutschland Vorteile verschaffen, indem sie helfen, Ineffizienzen zu überwinden. Hierbei werden gleich zwei Forderungen aus dem feministischen Diskurs verdreht: gleiche Teilhabe auf dem Arbeitsmarkt bzw. an Führungspositionen wird gerechtfertigt durch ein Ergänzen der doch vielfältig vorhandenen Fähigkeiten. So wird auch Diversität vom Kapitalismus vereinnahmt: etwa bei der Rede von weiblich konnotierten soft skills, die davon ausgeht, dass Frauen* von Natur aus anders seien und diese Andersartigkeit zu einer Steigerung der Produktivität im Unternehmen führe.

Gleichberechtigung für wen?
Frauen* finden sich als Werktätige meist in einer Doppelbelastung wieder: Die Frauen*, die Karriere und Familie unter einen Hut bringen wollen, und das wird von der modernen, emanzipierten Super-Frau auch zunehmend erwartet, müssen die Reproduktionsarbeit anders organisieren. Die billige Arbeitskraft gibt es heute per App. Es ist immer weiter verbreitet, dass eine Nanny auf die Kinder aufpasst, die eingewandert ist und in den meisten Fällen ohne soziale Absicherung arbeiten muss. Das Haus wird von einer Frau* geputzt, die mit ihrem Lohn ihre Familie im Ausland unterstützt. Neben der starken Stigmatisierung der Sorgearbeiterin im Heimatland und dem Vorwurf, ihre familiären Verpflichtungen zu vernachlässigen, hat diese Form von Migration zur Folge, dass in der Herkunftsfamilie eine Versorgungslücke entsteht. Da die Frauen*, die im Care-Bereich tätig sind, aufgrund ihres Einkommens meist nicht in der Lage sind, wiederum die Reproduktionsarbeit wie die privilegierte Frau* einzukaufen, wird diese Lücke meist durch  verbliebene Familienmitglieder gefüllt. Die Aufgaben der Reproduktion und Produktion werden weltweit unter Frauen* neu verteilt, eine grundlegende Neuaufteilung zwischen den Geschlechtern findet jedoch nicht statt.

Brennende Vorstandszimmer statt Elitenfeminismus
Die Gleichstellung, die der W20-Gipfel gegenüber den G20-Staaten einfordert, wird massiv auf dem Rücken von prekarisierten Frauen* ausgetragen und verkommt so zu einer Farce. Solange nicht darüber nachgedacht wird, wie die Reproduktion der Gesellschaft jenseits von Frauen*ausbeutung und Kleinfamilie gestaltet werden kann, wird die von den W20- Akteurinnen postulierte Gleichstellung nur diejenige in Anspruch nehmen können, die es sich leisten kann.  Alle anderen werden darauf zurückgeworfen, die Doppelbelastung als Frau* stillschweigend zu schlucken oder sich im Idealfall gegen diese und andere Zumutungen des Alltags kollektiv zu organisieren. Für uns als radikale Feminist*innen kann diese Gleichstellung weder eine Zwischenstation noch die Endstation feministischer Kämpfe sein. Die Idee, allein die Teilhabe an der Erwerbsarbeit reiche aus, um sich vollkommen zu emanzipieren, basiert auf einer idealisierten Vorstellung von Lohnarbeit, die den kritischen Blick auf die kapitalistische Ausbeutung ideologisch verstellt. Die bloße Integration von Frauen* in kapitalistische Verhältnisse hat kein echtes emanzipatorisches Potential. Auch alternative Lebensentwürfe und Familienformen passen oftmals gut zu der am heutigen Arbeitsmarkt allseits geforderten Flexibilität und Kreativität.  Wird dieser Umstand übersehen, bleiben feministische Forderungen allzu leicht auf der kulturellen Anerkennungsebene stehen, wo sie häufig für die Neuordnung der kapitalistischen Verwertung vereinnahmt und nutzbar gemacht werden. Gerade deshalb bedarf es einer radikalen Kritik an allen herrschaftlich strukturierten Verhältnissen.

Wir bleiben dabei: Keine Emanzipation ohne die der Gesellschaft! Unser Feminismus bleibt antikapitalistisch und antirassistisch!

Make feminism a threat – gemeinsam im linken, radikalen, queeren und feministischen Block auf der Frauen*kampftagsdemo am 8. März 2017 in Berlin, 17 Uhr Hermannplatz

* Wir haben die Begriffe „Frau“ und „Mann“ mit Sternchen* markiert. Wie auch der Gender Gap soll das Sternchen zugleich darauf hinweisen, dass es unterschiedliche Identitätskonzepte von Weiblichkeit und Männlichkeit, sowie Menschen gibt, die sich nicht in der Zweigeschlechtlichkeit wiederfinden. Zugleich ist Zweigeschlechtlichkeit als soziales Verhältnis wirkmächtig und muss benannt werden. Die Begriffe „Frau“ und „Mann“ bezeichnen nichts Natürliches, sondern sind Positionen in diesem Verhältnis.

[1] Der Women20-Gipfel wird im Vorfeld des G20-Treffens gemeinsam vom „Verband deutscher Unternehmerinnen“ und dem „Deutschen Frauenrat“ organisiert und soll dafür Sorge tragen, dass die Perspektive der unternehmerischen Frau auch auf dem großen Treffen zur Kenntnis genommen wird. Angela Merkel wird in ihrer Rolle als G20-Präsidentin die von den W20 erarbeiteten Forderungen in einem Abschluss-Kommuniqué entgegennehmen und auf den G20 tragen.